Auf Besuch in Tanmoys Dorf

Heute Morgen hat uns Tanmoy abgeholt und ist mit uns in sein Heimatdorf gefahren, um dort seine Familie zu treffen. Normalerweise fährt er die Strecke mit dem Fahrrad. Aber wir haben ein Tuktuk genommen und waren circa eine Stunde über Felder und Dörfer unterwegs.

Kurz bevor wir das Dorf erreichen, zeigt er uns noch den örtlichen Tempelkomplex. Wir sind erstaunt wie groß dieser in Relation zu den ärmlichen Dörfern der Umgebung ist.

Im Dorf angekommen, werden wir herzlich empfangen. Es gibt erst einmal Süßigkeiten und Tee, dann geht es gleich auf einen Rundgang durchs Dorf. Wir sind eine Attraktion für die Dorfbewohner und es dauert nicht lange bis wir eine ganze Entourage auf unserem Spaziergang hinter uns herziehen. An einigen Häusern wird uns angeboten zum Tee herein zu kommen. Viele möchten wissen, wo wir herkommen. Manche möchten meine Haut berühren – ein Junge rubbelt sogar, um sicherzugehen dass das Weiß meiner Haut echt ist. Kinder sagen leise „Hello“ und kichern wild, wenn wir „Hello“ erwidern. Dass ich ihr Dorf und ihre Kühe fotografieren möchte, scheint einigen total verrückt vorzukommen. Was ist denn schon besonderes an einer Kuh?

Das Dorf wirkt auf mich wie aus einem anderen Jahrhundert. Ein paar Stromleitungen und die neuzeitliche Kleidung der Bewohner sind der einzige Hinweis auf die Moderne. Ansonsten könnte dieses Dorf vermutlich genau so auch vor zwei, drei oder vierhundert Jahren bestanden haben. Das Vieh lebt unmittelbar mit den Menschen zusammen, das Wasser muss vom Brunnen geholt werden, ihre Toilette verrichten die Menschen größtenteils im Freien. Viele Gebäude – zumindest die Ställe und Nebengebäude – sind aus Lehm und Stroh gebaut. Man kann an den Geräten sehen, dass hier noch die allermeisten Arbeiten von Hand erledigt werden. Ich versuche mir vorzustellen wie es hier in der Regenzeit aussieht, von der Tanmoys immer wieder spricht – wenn hier alles unter Wasser steht.

Negativ formuliert, könnte ich sagen, dass ich noch nie an einem rückständigeren Ort war. Allerdings habe ich diese Empfindung beim Dorfbesuch nicht. Die Menschen hier kommen mir westlich entspannter und vor allem auch selbstbestimmter vor als jene die ich entlang der Straßendörfer in ihnen Verkaufsständen und kleinen Läden gesehen habe. Auch das Müllproblem scheint hier nicht ganz so groß zu sein. Der Ort macht insgesamt einen wesentlich intakteren Eindruck auf mich als die großen und kleinen Städte die wir bisher gesehen haben.

Mir fällt wieder ein Gespräch ein, dass ich in Kalkutta mit einem der Jungs vom Ali S.K. geführt habe. Er meinte, dass die Inder immer mehr versuchen dem westlichen Vorbild zu entsprechen und dabei ihre eigenen Identität und Kultur vernachlässigen. Das was dabei seiner Meinung nach heraus kommt würde aber nicht funktionieren, weil sie eben doch Inder seinen und keine Europäer oder Amerikaner. Hier am Dorf scheint es mir als wäre diese Zerrissenheit noch nicht so stark angekommen. Jedenfalls verstehe ich nun besser, was er mir zu sagen versuchte.

Nach unserem Rundgang kehren wir zu Tanmoys Familie zurück und bekommen unser Mittagessen – Reis, Eiercurry, Paneer, Daal. Die Familie tischt auf und zieht sich dann ins Nebenzimmer zurück. Wir essen für uns. Danach zeigen wir Bilder unserer Hochzeit. Im Gegenzug zeigen sie uns Bilder der Hochzeit von Tanmoys Cousine. Sie ist 17 Jahre alt. Da sie momentan schwanger ist, lebt sie derzeit wieder im Haus ihrer Eltern im gleichen Dorf. Ein Nachbar kommt hinzu, um uns anzuschauen. Später setzen wir uns noch auf einen Tee vors Haus und gleich sammeln sich wieder einige Kinder. Bis unser Tuktuk kommt, ist noch Zeit für Fotos und Selfies mit uns. Dann geht es wieder zurück nach Jemo.

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In der Einfachheit sind die Menschen stolz und glücklich.
Als Ausländer ist man Gast, dem man mit Gastfreundschaft und Neugierde begegnet.
Die Bewirtung lässt einen immer wieder beschämt genießen.


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